Anselm Kiefer

Das großformatigste Bild und gleichzeitig Höhepunkt dieser Reihe ist das ebenfalls 1973 entstandene Gemälde ''Deutschlands Geisteshelden.'' Darauf sieht man einen aus rohem Holz gezimmerten, hallenartigen Dachboden, der sich nach rückwärts perspektivisch verjüngt und eine Raumwirkung von außerordentlicher Suggestivkraft erzeugt. An den Wänden flackern Ehren-Feuer in Schalen und auf dem Boden sind mit Kohle in Kinderschrift die Namen der Helden geschrieben. Die in „autobiographischer Willkür“ (Jürgen Harten) erstellte Heldenliste umfasst: Richard Wagner, Richard Dehmel, Josef Weinheber, Joseph Beuys, Adalbert Stifter, Caspar David Friedrich, Arnold Böcklin, den Preußenkönig Friedrich II., die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg, Robert Musil, Nikolaus Lenau, Hans Thoma, Theodor Storm. Das Gemälde ist von einer starken Ambiguität geprägt. Sie kommt nicht nur in der willkürlich erscheinenden Namensliste zum Ausdruck, die sowohl Hitleranhänger, wie Weinheber, als auch Hitlergegner, wie Musil, enthält. Schon der Titel ist nach Kiefer Aussage ironisch zu verstehen. Auch die Darstellung selbst gilt Kommentatoren als eine ironische Anspielung auf die Regensburger Walhalla. Sabine Schütz stellt einen unmittelbaren Bezug zur Fotografie eines nationalsozialistischen Feierraums für die Jugend her und verweist auf die grundlegende Ambivalenz von Kiefers Dachboden-Werken, die den Nationalsozialismus durch „scheinbare Affirmation“ kritisieren.

Kiefers frühe Landschaftsbilder sind gleichfalls mit Geschichte aufgeladen. Sie sind kontaminiert mit dem vom Nationalsozialismus propagierten „deutschen Sehen“. Sein erstes großes Landschaftsbild: ''Märkische Heide'' entstand 1971. Dessen Sujet wandelte er in den darauf folgenden Jahren in unterschiedlichen Formaten häufig ab. Die Märkische Heide ist die Heidelandschaft zwischen Spreewald und dem Südosten Berlins in der Mark Brandenburg. Sie symbolisiert hier einen geschichtsträchtigen Ort mit den Wurzeln Preußens.

Das Gemälde von 1974 (Van Abbemuseum, Eindhoven) zeigt einen verschmutzten Weg in einer Heidelandschaft, der in der Mitte des unteren Bildrands breit beginnt und vertikal mit sich verjüngender Perspektive scheinbar endlos auf die hohe Horizontlinie zuläuft, wo Land und Himmel nahtlos verschmelzen. Am rechten Wegrand ragen drei schlanke Birkenstämme. Die weißen Farbtöne des Weges und der Birken kontrastieren mit den dunklen Gelb- und Brauntönen der menschenleeren Heidelandschaft, über der eine düstere Stimmung liegt. Über die Mitte des unteren Weges sind die Worte „märkische Heide“ geschrieben. Korrespondierend zu den Heide-Bildern hat er in den 1980er Jahren mehrere Bilder produziert, denen er den Titel (oder Teiltitel) ''märkischer Sand'' gab (z. B. ''Wege: märkischer Sand,'' 1980; ''Ikarus – märkischer Sand,'' 1981; ''Märkischer Sand,'' 1982) und in denen er teilweise Sand mit Farbe vermischte. Keine unwesentliche Rolle für die Titelgebung dürfte die Vereinnahmung des brandenburgischen Heimatliedes ''Märkische Heide, märkischer Sand'' durch die Nazis gespielt haben.

Das ebenfalls 1974 entstandene, in dominant schwarzer Ölfarbe auf Rupfen gehaltene Bild ''Maikäfer flieg'' (Sammlung Marx) zeigt eine düstere Landschaft mit verwüsteter, verbrannter Erde. Am oberen Rand ist mit krakeliger Schrift der Anfang des Kinderlieds „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“ eingetragen. Auch mit diesem Bild werden Assoziationen an die jüngere deutsche Geschichte, an Krieg (verbrannte Erde), Flucht und Vertreibung hervorgerufen.

Das Gemälde ''Siegfried vergißt Brünhilde'' (1975) hat mit seiner ambivalenten Verknüpfung zweier mythologischer Charaktere einige Kommentatoren zu weitreichenden Überlegungen inspiriert. Es zeigt eine Winterlandschaft mit zum Horizont konvergierenden Ackerfurchen, in der im Längsverlauf einer Furche zum hohen Horizont hin der Titel des Gemäldes eingeschrieben ist, wobei der auf den Ackerfurchen liegende Schnee das Vergessen symbolisiert. Daniel Arasse stellt es in Beziehung zu späteren bearbeiteten Fotografien in Kiefers Buch ''Siegfried’s Difficult Way to Brünhilde'' (1977). Sie zeigen stillgelegte Eisenbahnstrecken, die zu einem in Flammen stehenden Horizont führen, die weniger an den Feuerkreis um die schlafende Brünhilde als an die Verbrennungsöfen der Vernichtungslager erinnern. Auch Andrea Lauterwein interpretiert das Siegfried-Bild im Kontext der bearbeiteten Fotos mit den überwucherten Schienen, die als Symbol für den Holocaust stehen. Und „Siegfried’s Difficulty“ wertet sie als Metapher für die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen.

„Märkischer Sand“ von 1982 ist ein großes langgestrecktes Bild mit einer leeren, wie Petra Kipphoff meint, „sich wie in einem Strudel zum Horizont ziehenden Landschaft, in der Geschichte und Leben untergepflügt scheinen“. Schildchen mit Ortsnamen wie Küstrin, Oranienburg, Neuruppin, Rheinsberg oder Buckow rufen Assoziationen an die preußische Geschichte und an Theodor Fontanes ''Wanderungen durch die Mark Brandenburg'' hervor sowie an die Nazivergangenheit mit ihren KZs (Oranienburg, Sachsenhausen) und Todesmärschen. Werner Spies spricht davon, dass der Maler in der Arbeit die Samen seiner historischen und mythologischen Erinnerung aussät. „Die technische Virtuosität steigert sich dabei regelrecht zum wagnerianischen Tutti: Sand, Teer, Schellack, Sägemehl, Bleifolien, sprechende Materialien wie das Stroh der Brandstifter, Stacheldraht und Kleidungsstücke tragen zu der depressiven Stimmung bei, sprechen von diesem ‚Waste Land‘, das T. S. Eliot zur Metapher der verödeten chaotischen Moderne ausgerufen hat.“ Veröffentlicht in Wikipedia
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Veröffentlicht 2001
Mitwirkende: ...Kiefer, Anselm...
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von Biro, Matthew
Veröffentlicht 1998
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